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"Ich würde nach dem
Riester-Prinzip eicheln" Arbeitsminister Walter Riester erwartet
erst 2008 einen Boom von Alterspolicen mit Zulagenförderung /
Sozialreform soll Leistungen für Langzeiterwerbslose
vereinheitlichen An den eigenen Ruhestand denkt Walter
Riester nicht. Der Vater der Rentenreform möchte nach der Wahl
den Umbau von Sozial- und Arbeitslosenhilfe angehen. Dem neuen
Bundestag wird er angehören: Der 58-Jährige ist auf der
baden-württembergischen SPD-Landesliste gut abgesichert. Doch
ob der nicht unumstrittene Riester auch dem nächsten Kabinett
angehören wird, wagt derzeit niemand vorauszusagen. Im Gespräch
mit den Berliner FR-Korrespondenten Karl Doemens und Hilmar Höhn
bilanziert Riester seine bisherige Arbeit und skizziert die
Agenda für eine mögliche weitere Amtsperiode. Frankfurter Rundschau: Bei den Arbeitgebern herrscht Unmut über Ihre Neuregelung der 325-Euro-Jobs und des Betriebsverfassungsgesetzes. Die IG Metall hat Ihnen die Aufgabe der paritätischen Rentenfinanzierung nicht verziehen. Und der Spiegel stellt Sie gemeinsam mit Rudolf Scharping in die Verliererecke des Kabinetts. Was macht Walter Riester am 23. September? Walter Riester: Nach der
Bundestagswahl werde ich mich mit der SPD erst einmal über
einen Wahlsieg freuen. Wir werden nämlich wieder als stärkste
Fraktion in den neuen Bundestag einziehen. Wen Gerhard Schröder
dann in sein nächstes Kabinett beruft, hängt ja auch von
Koalitionsverhandlungen ab. Die Entscheidung liegt beim Kanzler.
Wie immer er sie fällt, halte ich sie für richtig und trage
sie mit. Kommen wir zur rot-grünen Erfolgsbilanz: Die Regierung wirbt, zum ersten Mal liege die Zahl der Arbeitslosen nach einer Wirtschaftsflaute niedriger als davor. Aufschlussreicher ist doch, dass die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden seit eineinhalb Jahren gesunken ist. Und die kürzere Arbeit verteilt sich auch noch über mehr Köpfe. Können Sie mit so einer Zahl wohlgemut vors Wahlvolk treten? Selbst das Wirtschaftsmagazin Capital
spricht von einer historischen Wende am Arbeitsmarkt. Dass wir
mehr Beschäftigte haben, ist doch auch positiv, oder? Mehr kleine Beschäftigungsverhältnisse - das heißt doch letztendlich: Die finanziellen Spielräume für viele Menschen werden enger. Unsere Wirtschaft befindet sich in einem
Umstrukturierungsprozess von einer Industrie- hin zu einer
Dienstleistungsgesellschaft. Es gehen Arbeitsplätze verloren,
und gleichzeitig entstehen massenhaft neue. Unterm Strich macht
sich das auch positiv bemerkbar: Die Beschäftigung lag 2001 um
rund 1,2 Millionen höher als 1998. Und dann dürfen wir eines
nicht vergessen: Die Wiedervereinigung ist besonders am
Arbeitsmarkt noch nicht abgeschlossen. Das drückt doch unsere
Werte in der Statistik. Wer da auch immer irgendwelche
Vergleiche mit Nachbarstaaten anstellt, dem kann ich nur sagen,
dass er vergleicht, was nicht vergleichbar ist. Sie lassen sich also von der Opposition keine Verantwortung für die anhaltende Malaise am Arbeitsmarkt in die Schuhe schieben? Nein! Das ist doch kindisch. Nach dem Stabilitäts- und Wachstumsgesetz, das ja noch immer gilt, ist jede Regierung für einen hohen Beschäftigungsstand verantwortlich . . . Im Rahmen der Möglichkeiten haben wir
diese Verantwortung auch wahrgenommen. Industriepräsident Michael Rogowski meint, die Regierung bleibe hinter den Möglichkeiten zurück. Die IG Metall meint das im Übrigen auch. Wir tun, was machbar und finanzierbar ist. Rogowski und mit ihm die Wirtschaftsverbände mahnen seit Jahren an, dass die Arbeitsmärkte flexibler werden müssen. Dazu findet sich nur Kryptisches im SPD-Wahlprogramm. Nachdem wir Steuern und Lohnnebenkosten
gesenkt haben, will Herr Rogowski noch mehr. Gut, dann wird man
sich darüber unterhalten. Das klingt nicht sehr überzeugt. Ist der Arbeitsmarkt in guter Verfassung? Oder will die SPD den Bürgern vor der Wahl keinen reinen Wein einschenken? Doch! Aber eins vorweg: Arbeitsmarktpolitik
schafft keine neuen Arbeitsplätze. Wir wollen die Vermittlung
qualitativ und quantitativ verbessern. Dazu haben wir bereits
das Job-Aktiv-Gesetz verabschiedet. Das Prinzip, dass wir
Erwerbslose mehr fördern, aber auch stärker fordern wollen,
werden wir auch auf erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger übertragen.
Wir müssen in der Vermittlung, der Weiterbildung einfach besser
werden. Das sind wir den Menschen, aber auch der Wirtschaft
schuldig. Und wie wollen Sie das genau anstellen? Ich habe zunächst einmal eine
Reformkommission eingesetzt. Der sollte auch ein Minister nicht
vorgreifen. Klar ist für mich eines: Im Weiterbildungssektor
setzen wir viel Geld ein, aber offenkundig ist die Arbeit der
Dienstleister dort erheblich verbesserungsfähig. Die
Weiterbildungseinrichtungen müssen sich viel stärker als
bisher am Bedarf an Arbeitskräften orientieren. Mit der
Tonnenideologie, nach der so-und-so-viel Menschen durch
Programme geschleust wurden, bin ich gar nicht einverstanden. Das heißt: Die Erwerbslosen, auch die arbeitsfähigen Sozialhilfeempfänger sollen schneller und zielgerichteter als bisher in den Arbeitsmarkt bugsiert werden. Aber was planen Sie an Veränderungen auf der Leistungsseite? Konkret: Wird die Arbeitslosenhilfe abgeschafft? Nein. Die wichtigste Leistung ist doch,
dass wir die Chancen der Menschen enorm verbessern wollen,
wieder in Arbeit zu kommen. Ich habe überhaupt nicht vor, an
die Arbeitslosenhilfe ranzugehen mit weniger Geld. Ich gehe
derzeit davon aus, dass wir ein stärker beschäftigungsförderndes
Leistungssystem anstreben. Bei einer ähnlichen Problemlage müssen
Betroffene finanziell das Gleiche bekommen. Alles andere macht
doch keinen Sinn. Aber jetzt ist es zu früh, um zu sagen, wie
wir die Leistung genau gestalten werden. Noch mal: Nach Abbau
strebe ich nicht. Kürzlich hat die Enquetekommission "Demografischer Wandel" ihren Bericht vorgelegt. Für die Rentenversicherung wird darin ein noch stärkerer Ausbau der kapitalgedeckten Altersvorsorge - möglicherweise über eine Verpflichtung - gefordert. Wann kommt die nächste Rentenreform? Eine grundlegende Reform werden wir relativ
lang nicht brauchen. Allerdings müssen immer wieder mal
Einzelpunkte nachjustiert werden. Aber das System einer
wesentlich stabileren sozialen und einer ergänzenden
kapitalgedeckten Vorsorge wird lange tragen. Und wenn nicht genügend Menschen freiwillig privat vorsorgen? Kommt dann doch das Obligatorium? Ich bin seit langer Zeit nicht mehr dafür.
Bei 12,7 Milliarden Euro Förderleistung für die
kapitalgedeckte Vorsorge muss man nicht mehr über eine
Verpflichtung reden. Schon jetzt aber zeichnet sich ab, dass die Förderung durch die nach Ihnen benannten Zulagen für viele Menschen weniger attraktiv ist als das neue Recht, Gehaltsbestandteile steuer- und sozialabgabenfrei in Altervorsorgeverträge umzuleiten (Entgeltumwandlung). Die "Eichel-Verträge" seien oft rentabler als die "Riester-Policen", erklären Verbraucherschützer. Tut das weh? Überhaupt nicht. Es gibt zwei Neuerungen
in der Riester-Reform, die ich immer als den eigentlichen Turbo
angesehen habe. Das ist zum einen die Rentenauskunft, die den
Versicherten aufzeigt, wie viel sie im Alter aus der
gesetzlichen Kasse zu erwarten haben. Und das ist der
Rechtsanspruch auf Entgeltumwandlung. Mir war von Anfang an
klar, dass das viele Unternehmen in Zugzwang bringen würde,
betriebliche Altersvorsorge zu machen. Und genau das tritt ein. Was würde Walter Riester machen - riestern oder eicheln? Leider bin ich nicht
rentenversicherungspflichtig. Aber grundsätzlich würde ich in
meinem Alter und bei meinem Familienstand die Entgeltumwandlung
wählen. Ich würde also nach dem Riester-Prinzip eicheln. Hier
wird sich - das ist meine These - bis 2008 überwiegend die
betriebliche Altersvorsorge abspielen. Anschließend werden
viele Systeme umgestellt werden auf Zulagenverträge, denn dann
entfällt die Sozialabgabenfreiheit . . . . . .das glauben Sie wirklich trotz des drohenden Widerstands von Finanzinstituten, Gewerkschaften und Arbeitgebern? Das wird so sein. 2008 läuft die
Sozialabgabenfreiheit aus. Mir wäre es sogar lieber gewesen,
man hätte sie im Gesetz bis 2004 befristet. Fürchten Sie bei einer Renaissance der Betriebsrente eine neue Diskussion über die unterschiedlichen Kosten für Frauen und Männer? Einzelne Gewerkschafter rufen wieder nach Unisex-Tarifen. Beim Sex habe ich es lieber nicht uni
(lacht). Aber im Ernst: Ich sehe da kein Problem. Wir haben das
schon früher diskutiert. Einheitliche Verträge für Männer
und Frauen lassen sich in einer freiwilligen, kapitalgedeckten
Vorsorge nicht machen. Das ist eine ideologische Diskussion. Die
führt in die Irre. Die gesetzliche Rentenversicherung bevorzugt
Frauen, indem sie trotz der höheren Lebenserwartung die
gleichen Beiträge wie von Männern nimmt. Wenn private Anbieter
dasselbe täten, würden Männer solche Verträge einfach nicht
abschließen. Am Ende hätte man einen reinen Frauenfonds und
nichts gewonnen. Verbraucherschützer kritisieren, dass die privaten Angebote oft schwer zu vergleichen sind, weil die Kosten zwar ausgewiesen, aber unterschiedlich berechnet werden. Das finde ich putzig. Sonst wird mir oft
vorgeworfen, dass wir überreguliert haben. Nun kommt die Kritik
aus der anderen Richtung. Die Vielfalt der Angebote war doch
gewollt bei der Rentenreform. Der Gesetzgeber muss einen
Kompromiss finden zwischen der Differenziertheit der Auflagen
und der Wahlfreiheit der Verbraucher. Mehr Freiheit, mehr private Vorsorge - sind das Ansätze auch für eine Gesundheitsreform? Das eine lässt sich mit dem anderen nicht über einen Leisten schlagen. Aber die Gesundheitsministerin weiß, dass sie immer meinen Rat haben kann. |